Jochen Welt Blog

Die Macht des Opfermythos

Das wachsende Opfergefühl – und warum es unsere Demokratie schwächt

In meinem Buch „Opferzeiten“ habe ich bereits 2021 beschrieben, wie politische Akteure zunehmend mit emotionalen Konsumlogiken arbeiten. Eine besonders wirksame Strategie ist dabei die Inszenierung als Opfer. Kaum eine Partei hat dieses Muster derzeit so konsequent und professionell entwickelt wie die AfD. Bemerkenswert und zugleich besorgniserregend ist jedoch nicht nur diese Selbstdarstellung – sondern vor allem die wachsende Resonanz, die sie damit erzielt. Diese Entwicklung veranlasst mich, erneut auf den Zusammenhang zwischen Opfergefühlen und der Gefährdung demokratischer Strukturen hinzuweisen.

Warum gewinnt die Opfererzählung an Kraft?

Umfragewerte zeigen: Immer mehr Menschen empfinden die AfD als „Opfer“ gesellschaftlicher Eliten, der Regierung oder der Medien. Dieses Empfinden ist politisch folgenreich. Viele Bürgerinnen und Bürger, die sich selbst unfair behandelt, überhört oder übergangen fühlen, erkennen sich in dieser Opfererzählung wieder. Es entsteht eine emotionale Verbundenheit, die stärker wirkt als jede sachliche oder programmatische Aussage.

Auffällig ist: Die wachsende Gruppe derjenigen, die Sympathie mit der AfD entwickeln, sieht sich selten als Opfer sozialer Ungleichheit – etwa einer ungerechten Vermögens- und Einkommensverteilung. Stattdessen entsteht das Gefühl, Opfer politisch „inkompetenter“ oder „ungerechter“ Entscheidungen zu sein: beim Bürgergeld, bei Migration, Klimaschutzauflagen, der Wohnungsversorgung oder bürokratischen Belastungen.

Dieses Empfinden ist real – selbst wenn die Ursachen vielfältig sind. Viele Menschen erleben täglich, dass Politik an ihren Bedürfnissen vorbeiarbeitet. Fehlende Professionalität, mangelnde Kommunikation, ein oftmals belehrender Ton sowie öffentlichkeitswirksame Nischenpolitik verstärken das Gefühl, als Bürger nicht ernst genommen zu werden. In dieser Lage wirkt das Versprechen einer Partei, die sich selbst als Opfer stilisiert, emotional anschlussfähig. Es entsteht eine Art „Opfer-Solidarität“, ein gemeinsames „Wir gegen die da oben“.

Die Sucht nach dem Opferstatus

Das Opfersein wird zunehmend zu einer sozialen und politischen Haltung, die beinahe suchtartige Züge trägt. Immer neue Gruppen entdecken sich als benachteiligt: Erwerbstätige, Familien, Landbewohner, Handwerksbetriebe, Autofahrende, Rentnerinnen und Rentner. Die Liste wird länger, die Dynamik beschleunigt sich. Rechtspopulisten nutzen dieses Muster meisterhaft. Jeder Angriff auf sie – ob politisch, journalistisch oder zivilgesellschaftlich – wird umgedeutet und dient als weiterer Beleg für das eigene Opfersein.

Diese Logik verstärkt sich besonders dann, wenn Proteste gegen die AfD eskalieren oder in Gewalt umschlagen. In solchen Momenten gelingt es der Partei, sich und ihre Anhänger als verfolgte Minderheit darzustellen. Das erzeugt zusätzliche Sympathie in Teilen der Gesellschaft – und stärkt ihre Position in Umfragen.

Der gut gemeinte, aber fatale Aktionismus

Viele Bürgerinnen und Bürger, die sich ernsthaft Sorgen um unsere Demokratie machen, reagieren auf die Erfolge der AfD nicht nur mit wachsender Sorge, sondern auch mit gesteigertem Engagement. Demonstrationen, Proteste und klare Kante gegen Rechtsextremismus sind notwendig und richtig. Doch gut gemeinter Aktionismus kann unbeabsichtigt genau das Gegenteil bewirken: Er stärkt die Opfererzählung der Populisten.

Wenn sich die Auseinandersetzung fast ausschließlich um die AfD dreht und nicht um die realen Problemlagen der Menschen, verfestigt sich das Bild dieser Partei als vermeintliches „Sprachrohr der Benachteiligten“. Viele Bürgerinnen und Bürger schließen sich dann eher dieser Opfergemeinschaft an, statt politische Lösungen wahrzunehmen.

Was jetzt wirklich nötig ist

Es ist höchste Zeit, die Mechanismen des Opferdiskurses ernst zu nehmen – und sie nicht weiter unbewusst zu bedienen. Entscheidend sind drei Schritte:

1. Reale Verletzungen und Benachteiligungen ernst nehmen.

Politik und Gesellschaft müssen sich stärker um substanzielle Ungerechtigkeiten kümmern: soziale Schieflagen, fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Unsicherheit, mangelnde Wertschätzung. Wo Menschen sich allein gelassen fühlen, entsteht Raum für populistische Erzählungen.

2. Täterrollen klar benennen – statt den Opferstatus der Populisten zu stärken.

Nicht die Dinge, welche die Opferrolle der AfD ungewollt aufwerten könnten, dürfen im Mittelpunkt stehen, sondern ihre demokratiegefährdenden Inhalte, Programme und Aussagen. Wer Demokratie und soziales Miteinander gefährdet, sollte als das benannt werden, was er ist: eine Gefahr für die Gemeinschaft, die soziale Sicherheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

3. Eine gemeinsame Zukunft, die Orientierung gibt.

Eine starke Demokratie lebt nicht davon, auf Populisten zu reagieren – sondern davon, eigene Ziele zu setzen, die Menschen begeistern und verbinden. Ohne attraktive Zukunftsperspektiven entsteht ein Vakuum, das Populisten mit einfachen Feindbildern füllen.

Wir brauchen deshalb eine klare gemeinsame Vision, die Stolz, Hoffnung und Motivation erzeugt. Positive Zukunftsnarrative dürfen keine leeren Fantasien sein, sondern müssen als realistische nationale Entwicklungsaufgaben formuliert werden. Beispiele könnten sein:

• Deutschland wird Bildungsstandort Nr. 1 in Europa.

• Deutschland wird Forschungs- und Innovationsstandort Nr. 1 weltweit.

• Deutschland wird führend bei Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand.

• Deutschland wird zum Land der besten Chancen – unabhängig von Herkunft, Vermögen oder Wohnort.

• Deutschland wird klimaneutral – nicht durch Verzicht, sondern durch technische Führerschaft.

• Deutschland wird wieder ein Land, in dem Sicherheit, Zusammenhalt und Respekt Alltag sind.

Fazit

Die Opfererzählungen, die sich in unserer Gesellschaft ausbreiten, schwächen das demokratische Fundament und öffnen extremistischen Kräften Tür und Tor. Das Gegenmittel ist kein moralisches Donnern, sondern eine neue Haltung: Probleme ernst nehmen, Täter benennen, Populisten entwaffnen und zugleich eine Zukunft formulieren, für die es sich lohnt, gemeinsam zu arbeiten.

Demokratie wird stärker, wenn sie Richtung gibt. Sie wird attraktiv, wenn sie gemeinsam Ziele verfolgt. Und sie wird resilient, wenn sie Hoffnung erzeugt.

Genau das müssen wir jetzt wieder lernen.

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