Wenn der Hass zur Ware wird – warum uns ein Gang durch den Supermarkt alarmieren sollte
Ein kurzer Abstecher in den Supermarkt kann manchmal mehr über den Zustand unserer Gesellschaft verraten als jede Statistik. So ging es mir, als ich kürzlich eine Produktreihe mit dem Aufdruck „Ich hasse Menschen“ entdeckte – grell, in Massen und auffordernd verpackt, angelehnt an die MDR-Comedy „Ich hasse…“.
Humor, Satire, Überzeichnung? Alles legitim. Doch dass dieser Slogan nun massentauglich als Konsumartikel verbreitet wird, wirkt wie ein Alarmsignal. Denn solche Produkte gäbe es nicht, wenn keine Nachfrage bestünde. Und genau das macht nachdenklich.
Von der Ironie zur Normalisierung
Die MDR-Reihe lebt von ironischer Überzeichnung. Doch sobald die satirische Zuspitzung verlassen wird und sie massenhaft im öffentlichen Raum verbreitet wird, verliert sie ihre Schutzschicht. Was bleibt, ist eine Botschaft, die Menschen an Mützen und Socken, auf Servietten und Fußabtretern offen nach außen tragen: „Ich hasse Menschen.“
Für einige mag das ein rebellischer Gag sein. Für andere wird er zum Ausdruck eines vränderten gesellschaftlichen Klimas: Gereiztheit, Frust, Entfremdung. Gerade jene, die sich nicht gesehen oder respektiert fühlen, finden in solchen Sprüchen ein Ventil. Und schnell wird aus diffusem Unmut die Suche nach Sündenböcken – ein Muster, das rechtsradikale Kräfte seit Jahren strategisch verstärken.
Worte entwerten – und senken die Hemmschwelle
„Es sind ja nur Sprüche.“ Ein Satz, der beruhigen soll – doch Sprache ist nie harmlos.Worte prägen Wahrnehmungen. Sie schaffen Realitäten. Wer ständig hört oder liest, dass Menschen „Hassobjekte“ seien, verlernt rasch den Blick für ihre Würde. Dort, wo Menschen sprachlich entwertet werden, sinkt die Schwelle zur realen Entwertung: zu Aggression und Gewalt.
Orwells Bild der „Zwei Minuten Hass” in seinem Film 1984 wirkt erschreckend aktuell. Empörung, Wut und Enthemmung sind vielerorts zur täglichen Routine geworden – online wie offline.
Der Alltag zeigt es deutlich: Der Ton wird rauer
Wer aufmerksam durch Städte, Busse oder Bahnen geht, spürt es: Der gesellschaftliche Ton ist spürbar härter geworden. Von den Hasstiraden im Netz ganz zu schweigen. Kleinste Anlässe reichen aus, um hasserfüllte Reaktionen auszulösen. Die Hemmschwelle, Fremde anzufahren, anzubrüllen oder abzuwerten, sinkt.
Dieser Trend ist kein Naturgesetz, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen – vor allem einer neoliberalen Kultur, die dem Egoismus zu viel Raum gibt, dem Gemeinwohl zu wenig, Konkurrenz über Bindung stellt und Solidarität als Schwäche abwertet.Das erzeugt eine wachsende Zahl gefühlter Opfer, die glauben, zu kurz zu kommen. Für sie wird Hass zum Ventil – gegen „die anderen“, „die da oben“, „die Fremden“, „die Faulen“.
Doch Hass zerstört zuerst das Gemeinsame – und dann die Demokratie.
Die gefährliche Normalisierung: Hass als Konsumartikel
Dass Sprüche wie „Ich hasse Menschen“ mittlerweile auf Mützen und anderen Dekoartikeln erscheinen, ist mehr als Geschmacklosigkeit. Es markiert einen kulturellen Kipppunkt.
Normalisierung geschieht leise:
– durch Wiederholung,
– durch Ironisierung,
– durch Vermarktung.
Was normal erscheint, wirkt harmlos. Was harmlos wirkt, verbreitet sich. Was sich verbreitet, prägt das Klima. Und ein Klima der Verachtung ist der Nährboden, auf dem Demokratien erodieren.
Warum Hass das Fundament der Demokratie angreift
Demokratie lebt von einem Grundprinzip: Jeder Mensch zählt – unabhängig von Meinung, Herkunft oder Status. Hass stellt dieses Prinzip infrage. Er verwandelt Menschen in Objekte, Störfaktoren, Feinde. Wer andere entwertet, erkennt ihnen weniger Würde zu – und damit weniger Rechte.
Die Folgen sind absehbar:
– Hass verhindert Kompromisse.
– Hass vergiftet Debatten.
– Hass stärkt Extremismus.
– Hass enthemmt.
Dort, wo Angriffe plötzlich „verständlich“ erscheinen, verliert Demokratie ihre friedliche Grundlage.
Was jetzt wichtig ist: Gegenhalten – klar und gemeinsam
Die Normalisierung von Hass – in Sprache, Alltagskultur und Konsum – verändert das gesellschaftliche Klima schleichend, aber nachhaltig.
Deshalb braucht es dringend:
1. Eine klare Haltung gegen Entwertung
2. Stärkung von Gemeinwohl und Solidarität
3. Verantwortung aller gesellschaftlichen Akteure
4. Bewusstsein für die Macht der Sprache
Fazit: Der Supermarkt als Spiegel
Der Fund im Supermarkt ist mehr als eine Kuriosität. Er ist ein Symptom dafür, dass Hass gesellschaftsfähiger geworden ist – und dass wir dringend eine Gegenbewegung des stärkeren Gemeinwohls und des Wirs brauchen, bevor aus Worten Taten werden.
Eine demokratische Gesellschaft wird nicht bessr durch Botschaften wie „Ich hasse Menschen“. Sie lebt von der Überzeugung, dass Menschen wertvoll sind – jede und jeder.
Wenn wir diese Grundhaltung verlieren, verlieren wir mehr als Anstand. Wir verlieren unsere Demokratie.
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