In diesen Tagen würde Konrad Adenauer seinen 150. Geburtstag feiern. Anlass genug, sich an einen der prägenden Gestalter der Bundesrepublik zu erinnern. Adenauer hat innen- wie außenpolitisch Geschichte geschrieben. Er war strategisch klug, machtbewusst – und in vielem weitsichtig. Bereits 1950 formulierte er einen Satz, der heute aktueller wirkt denn je:
„Der Frieden in Europa wird von den Vereinigten Staaten garantiert. Die Zeit wird kommen, wo sich die Europäer um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern müssen.“
Ein Blick auf die gegenwärtige Geopolitik – geprägt von Machtpolitik, nationalem Egoismus und einem neoliberalen Trumpismus – zeigt, wie sehr Adenauer recht behalten sollte.
Doch Erinnerungskultur darf nicht bei Lobpreisungen stehen bleiben. Gerade im Rahmen eines Demokratieprojektes muss auch das kritisch in den Blick genommen werden, was verdrängt oder vergessen wird.
Adenauer war nicht nur Staatsmann, er war auch der zentrale Architekt der wirtschaftspolitischen Ausrichtung der Bundesrepublik. Unter seiner Führung etablierte sich Deutschland als kapitalistisch-marktwirtschaftliches System unter dem Label der Sozialen Marktwirtschaft. Dieses Modell trug lange Zeit. Es schuf Wohlstand, soziale Sicherheit und politische Stabilität. Doch heute – in seiner neokapitalistischen Fortentwicklung – stößt dieses Modell sichtbar an Grenzen.
Was dabei oft ausgeblendet wird: Es hätte auch anders kommen können.
Denn es war Adenauers eigene Partei, die CDU, die sich 1947 mit dem Ahlener Programm eine explizit antikapitalistische Ausrichtung gab. Dort heißt es unmissverständlich:
„Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“
Gemeint war der ungezügelte Kapitalismus, der als mitverantwortlich für soziale Ungleichheit, politische Radikalisierung und letztlich auch für den Aufstieg des Nationalsozialismus gesehen wurde.
Die programmatischen Leitlinien waren klar:
– Vergesellschaftung und Kontrolle zentraler Wirtschaftsbereiche
– gemeinwirtschaftliche Elemente
– Solidarität statt Marktlogik
– Gemeinwohl statt Profitmaximierung
Der programmatische Kernsatz lautete:
„Wirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern muss dem Menschen dienen.“
Diese Leitplanken entstammten der katholischen Soziallehre – und sie hätten, gemeinsam mit den Reformpositionen der Sozialdemokratie, der jungen Republik eine deutlich sozialere und demokratiefestere Ausrichtung geben können.
Doch es war ausgerechnet der machtbewusste und charismatische Konrad Adenauer, der diese Richtung innerparteilich blockierte. Mit dem später verabschiedeten Düsseldorfer Programm wurden alle als „sozialistisch“ geltenden Elemente aus der CDU-Programmatik entfernt. Die Marktorientierung setzte sich durch – flankiert vom Versprechen sozialer Abfederung.
Lange funktionierte dieses Modell. Doch die Balance geriet schleichend aus dem Gleichgewicht.
In den letzten Jahrzehnten ist die Kluft zwischen Arm und Reich kontinuierlich gewachsen. Prekarisierung, Abstiegsängste und das Gefühl struktureller Ungerechtigkeit haben sich tief in die Gesellschaft eingegraben.
Viele Menschen zweifeln inzwischen nicht nur am Wirtschaftssystem, sondern am demokratischen System selbst. Die Schuld wird dabei selten beim an seine Grenzen gekommenen Kapitalismus gesucht – sondern bei Sündenböcken: Minderheiten, Geflüchteten, gesellschaftlichen Randgruppen.
Gleichzeitig gewinnen politische Kräfte an Einfluss, die vorgeben, „das Volk“ zu vertreten, tatsächlich aber Demokratie delegitimieren, autoritäre Lösungen propagieren und damit den Kapitalismus in seiner ungerechtesten Form weiter verschärfen wollen.
Das Ahlener Programm zog aus der Katastrophe des Nationalsozialismus eine klare Lehre: Ungezügelter Kapitalismus gefährdet die Demokratie.
Heute stehen wir erneut an einem ähnlichen Punkt. Die Formen sind andere, die Mechanismen erschreckend vertraut.
Wer unsere Demokratie zukunftsfähig machen will, sollte sich nicht an neoliberalen Heilsversprechen orientieren, sondern an den vergessenen Warnungen und Forderungen des Ahlener Programms:
– Solidarität statt Spaltung
– Gemeinwohl statt Marktvergötzung
– politische Kontrolle wirtschaftlicher Macht
Nicht mehr Kapitalismus macht die Demokratie stabiler – sondern mehr Gemeinwohl und soziale Gerechtigkeit.
Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie braucht Mut zur Korrektur. Und manchmal hilft der Blick zurück, um den Weg nach vorn neu zu bestimmen.